Es ist eine kuriose Zeit, in der wir leben:
An einem Ende der Leitung sitzt ein Land, das seit Jahrzehnten zuverlässig Energie liefert – selbst im Kalten Krieg.
Am anderen Ende sitzt ein Kontinent, der diese Energie verzweifelt bräuchte – und sich gleichzeitig weigert, den Hahn aufzudrehen.
Dazwischen: ein Krieg, ein US-Präsident mit „Zero Gratitude“-Posts, eine ukrainische Führung ohne Soldaten und eine europäische „Kriegstreiberfront“, die Friedenspläne schreibt, als hätte sie den letzten Lagebericht im Fernsehen gesehen – aber nicht an der Front.
Willkommen in Europa 2025.
1. Die Genfer Friedens-Show: Wenn Verlierer Bedingungen diktieren wollen
In Genf wird gerade offiziell über Frieden verhandelt. Inoffiziell geht es darum, wer sich in welchem Paralleluniversum eingerichtet hat.
Auf der einen Seite: der US-Plan, von Trump abgesegnet, der grob sagt:
- Waffenstillstand,
- Kiew gibt Teile des Territoriums ab,
- keine NATO-Mitgliedschaft,
- Russland behält einiges von seinen Gewinnen,
- dafür Sicherheit für den Rest.
Auf der anderen Seite: der europäische Gegenvorschlag, so etwas wie ein Wunschzettel aus Brüssel, Berlin, Paris und London – die selbst glauben, G3 zu sein, obwohl sie inzwischen eher wie G-Rest wirken.
Die Kurzfassung dieses „Gegenplans“:
- „Unconditional ceasefire“ – aber nur für Russland.
Erst Waffenstillstand, dann reden wir in aller Ruhe darüber, wie viel ihr verliert. - Die Ukraine behält alles – auf dem Papier
- NATO-Beitritt bleibt möglich, wenn die NATO es beschließt.
- Keine Begrenzung für ukrainische Streitkräfte.
- Westliche Truppen? Jederzeit willkommen, wenn Kiew „ja“ sagt.
- Langstreckenwaffen, Sicherheitsgarantien, Artikel-5-Logik inklusive.
- Russland zahlt und hält die Klappe
- Reparationslogik: eingefrorene Zentralbankgelder sind praktisch schon verplant.
- Sanktionen bleiben, bis der Westen findet, dass Russland „brav“ gewesen ist.
- Territoriale Fragen: später. Erst unterschreibt Moskau den Waffenstillstand.
Nüchtern betrachtet heißt das:
Russland soll faktisch kapitulieren – nachdem es auf dem Schlachtfeld Oberwasser hat.
Dass man so etwas in Moskau nicht als „Friedensplan“, sondern als schlechten Witz liest, ist kein Geheimdienstinsiderwissen.
Trotzdem tun europäische Regierungschefs so, als wäre das ein ernsthaftes Angebot. Vielleicht glauben sie es wirklich. Vielleicht brauchen sie es für die eigene Öffentlichkeit. Vielleicht auch beides.
2. Kiews große Armee – auf dem Papier
Während man in Genf Pläne austauscht, die nicht funktionieren können, zerbröselt der ukrainische Personalpool.
Allein im Jahr 2025 wurden in der Ukraine über 160.000 Strafverfahren wegen Fahnenflucht und unerlaubter Abwesenheit eröffnet. Das ist keine kleine Disziplinarwelle, das ist ein Massenphänomen.
Parallel dazu:
- Die Regierung senkt das Mobilisierungsalter,
- verschärft Strafen,
- schickt Polizei und Militärkommandos hinter den eigenen Männern her – in Bussen, an Kontrollpunkten, in Innenstädten.
Und dann, als wäre das alles nur eine Fußnote, öffnet man plötzlich die Tür:
Junge Männer dürfen wieder raus aus dem Land. Zehntausende nutzen es. Wer kann, geht.
Wo also soll Selenskij die Soldaten herbekommen, von denen der europäische Gegenvorschlag träumt?
Die Antwort ist einfach:
Aus nirgendwo.
Die Ukraine ist inzwischen in einer demographischen und sozialen Lage, in der jeder weitere Kriegsmonat nicht nur Militär, sondern die Zukunft als Staat auffrisst.
Auf dieser Basis so zu tun, als könne Kiew noch jahrelang „aufgeboosted“ werden, ist keine Strategie. Das ist Realitätsverweigerung in Reinform – nur hübsch verpackt in EU-Papier mit Logo.
3. Die sorgsam verdrängte Vorgeschichte
In westlichen Medien beginnt die Geschichte meistens am 24. Februar 2022.
Davor herrschte ungefähr Frieden, Demokratie und Blumenwiese – wenn man der offiziellen Erzählung glaubt.
Blendet man zurück, sieht die Sache anders aus:
- Krim 2014
- Russische Soldaten ohne Hoheitszeichen,
- ein „Referendum“ unter faktischer Besatzung,
- eine Annexion oder Session, die völkerrechtlich so umstritten ist, wie sie politisch irreversibel geworden ist.
- Maidan und US-Einfluss
- US-Diplomaten, Senatoren, NGOs – tief in ukrainischer Innenpolitik.
- Telefonate, in denen darüber gesprochen wird, wer in Kiew in welche Position gehört.
- Milliarden an „Demokratiehilfe“, die sich wie Regime-Change-Infrastruktur liest und völkerrechtlich ebenfalls gegen UN – Statuten verstösst.
- Donbass 2014–2021
- Ein schmutziger, fast vergessener Krieg mit tausenden Toten,
- massiven Menschenrechtsverletzungen auf beiden Seiten,
- Freiwilligenbataillone mit offen neonazistischen Symbolen,
- russischsprachige Zivilisten zwischen allen Fronten.
Der „Genozid“-Vorwurf an der russisch stämmigen Bevölkerung im Donbass ist juristisch nicht haltbar – aber die umgekehrte westliche Legende von der sauberen Demokratie, die aus dem Nichts überfallen wurde, stimmt genauso wenig.
Ohne Krim, Maidan und Donbass lässt sich dieser Krieg nicht verstehen.
Deshalb werden sie in Talkshows, Regierungsstatements und EU-Papieren so gut wie nie erwähnt.
Geschichte ist nicht nur das, was passiert.
Geschichte ist vor allem das, was man weglässt.
4. „Zero Gratitude“ – Trump zieht die Leine an
Während Europa seinen Fantasieplan malt, meldet sich Trump aus Washington zu Wort.
Er spricht von der „Führung“ der Ukraine – in Anführungszeichen – und davon, dass Kiew der USA gegenüber keinerlei Dankbarkeit gezeigt habe.
Und Europa?
Europa kaufe weiter russisches Öl, sagt er, während der amerikanische Steuerzahler zahlt und der US-Präsident sich dafür beschimpfen lassen darf.
Es ist mehr als eine Laune auf Truth Social:
- In Genf diskutieren ukrainische und europäische Delegationen, wie man Trumps Plan „anpasst“,
- in Washington sitzt ein Mann, der sich mit Recht als den einzigen sieht, der diesen Krieg innenpolitisch verkaufen und außenpolitisch beenden kann,
- und der jetzt klarmacht: „Das ist mein Deal. Nicht euer Wunschkonzert.“
Für Selenskij ist das ein Warnschuss.
Für Europa eine Erinnerung, dass es – trotz aller moralischen Posen – ohne US-Sicherheitsgarantie ziemlich nackt dasteht.
Trump signalisiert:
- Wenn Kiew und Brüssel seinen Plan so lange verwässern, bis Moskau ihn nicht mehr akzeptieren kann,
- dann wird er sie vor der eigenen Öffentlichkeit als undankbare, kriegsverlängernde Trittbrettfahrer hinstellen.
Man muss den Mann nicht mögen, um zu verstehen, dass er in diesem Punkt genau weiß, wo die Achillesferse des ukrainisch-europäischen Projekts liegt.
5. Energie: Europa sägt an der eigenen Industrie
Während die Diplomaten reden, drehen sich in Europa die Zähler rückwärts. Nicht bei CO₂, sondern bei Industrie, Wohlstand, Substanz.
Fakt eins:
Russland war über Jahrzehnte ein zuverlässiger Energiepartner.
Auch dann, als sich NATO und Warschauer Pakt gegenüberstanden und der Atomkrieg Übungsszenarien füllte, flossen Gas und Öl nach Westeuropa. Verträge wurden gehalten, Lieferungen kamen.
Fakt zwei:
Europa braucht genau diese billige, planbare Energie.
Nicht als moralisches Statement, sondern als Grundlage jeder ernstzunehmenden Industrieproduktion.
Fakt drei:
Nach 2022 wurde diese Lebensader mutwillig durchtrennt.
Pipelines wurden gesprengt, Verträge zerstückelt, Gerichte beschäftigt, Sanktionen geworfen wie Konfetti.
Und jetzt?
- Ein Strang von Nord Stream 2 ist technisch noch intakt.
- Gas ist drin.
- Aus Moskau kommt die Botschaft: „Wir könnten liefern.“
In Berlin aber nicht der leiseste Wille, darüber ernsthaft zu reden.
Stattdessen arbeitet man daran, eine Wiederinbetriebnahme auch rechtlich endgültig auszuschließen.
Es ist, als hätte jemand im Winter ein funktionierendes Heizsystem im Haus, das ihm nicht gefällt – und beschließt, stattdessen auf teure Campingkocher umzusteigen, um ein Zeichen zu setzen.
Der Ersatz:
- LNG aus den USA, Katar und anderswo.
- Aufwendig verflüssigt, verschifft, wieder regasifiziert.
- Deutlich teurer als Pipelinegas.
- Öl über Umwege, raffiniert in Indien oder der Türkei, dann als „indisches“ oder „türkisches“ Produkt zurück in die EU.
- Erneuerbare, die politisch als Allheilmittel verkauft werden,
aber technisch noch lange nicht die Rolle übernehmen können, die russische Grundlastenergie hatte.
Die Folge:
- Höhere Preise,
- wackelige Versorgung,
- Unternehmen, die abwandern oder schlicht dichtmachen.
Europa tut so, als könne es russische Energie aus moralischen Gründen boykottieren – und gleichzeitig seine Industriebasis halten.
Das ist, als wolle man auf Diät gehen und sich gleichzeitig weigern, weniger zu essen.
Wer die Rechnung am Ende bezahlt, ist klar:
Nicht die Leute, die in Brüssel Papiere unterschreiben.
Sondern jene, die in Deutschland, Italien, Frankreich und anderswo in Werkhallen stehen – und irgendwann nicht mehr stehen werden.
6. Zwischenfazit: Krieg spielen ohne Armee, Frieden anbieten ohne Realismus, Weltmacht sein ohne Energie
Fassen wir das Dossier zusammen:
- Eine Ukraine, in der hunderttausende Männer nicht mehr kämpfen wollen und können – und junge Männer, die das Land verlassen, sobald sich ein Spalt in der Tür zeigt.
- Eine Vorgeschichte, in der der Westen tiefer verstrickt ist, als er öffentlich zugeben möchte.
- Ein Trump, der mit „Zero Gratitude“ deutlich macht, dass er Kiew und Europa jederzeit die Unterstützung entziehen kann – kommunikativ wie politisch.
- Eine EU, die Friedenspläne formuliert, als hätte sie den Krieg militärisch gewonnen, während sie de facto von US-Militärmacht und US-Energie abhängt.
- Ein Kontinent, der billigste Grundlastenergie aus ideologischen Gründen verweigert – und stattdessen mit teurem LNG und politischem Wunschdenken versucht, einen industriellen Standort aufrechtzuerhalten, der auf genau dem Gegenteil beruht.
Ist das alles ein geheimer Masterplan für den Dritten Weltkrieg?
Wahrscheinlicher ist es eine Mischung aus:
- Realitätsverweigerung,
- innenpolitischem Theater,
- moralischer Selbstinszenierung
- und schlichter Inkompetenz.
Gefährlich ist es trotzdem.
Denn Systeme gehen selten unter, weil sie zu schwach sind.
Sie gehen unter, wenn sie sich weigern, ihre Lage zu erkennen.
Vielleicht wird man in ein paar Jahren auf diesen Zeitraum zurückblicken und sagen:
„Das war der Moment, in dem Europa sich bewusst entschieden hat, lieber ein moralischer Prediger mit kalten Fabriken zu sein, als ein unperfekter, aber funktionierender Industrieraum mit billiger Energie.“
Oder man wird sagen:
„Sie haben es wirklich nicht verstanden.“
Ob Dummheit oder Absicht – entscheiden darfst du selbst.

