Frau Huber aus dem Erdgeschoss hatte erfahren, dass Herr Meier aus dem zweiten Stock mit Fieber im Bett lag. Keine App, kein Formular, keine staatliche Taskforce „Heatwave Response Unit“. Sie stellte sich einfach an den Herd. Gemüse, Knochen, Salz. Danach klingelte sie bei Meier, stellte die Suppe vor die Tür, klopfte, rief „Gute Besserung!“ und war verschwunden, bevor irgendjemand einen QR-Code scannen konnte.
Damit war der Rechtsstaat faktisch aufgehoben.
Denn Herr Meier hatte – und das ist das eigentlich Verstörende – keine Fallnummer. Es gab keinen Bewilligungsbescheid „Heißgetränk mit Einlage“, keine Verordnung über Suppezufuhr in Mehrparteienhäusern, nichts. Was es gab, war: eine alte Frau, ein Topf, ein kranker Nachbar.
Drei Tage später stand die „Stabsstelle Spontanhilfe“ vor der Tür.
Ein Fünfertrupp in neongelben Westen, ausgestattet mit Tablets, Clipboards und dem moralischen Selbstbewusstsein einer WHO-Taskforce auf Kaffeefahrt. Vorneweg Herr Referatsleiter Dr. Kleinlogistik, Leiter des Pilotprojekts „Zivilgesellschaftlich induzierte Care-Aktivitäten“ (ZiCA).
„Frau Huber“, begann er streng, „uns liegen Hinweise vor, dass Sie hier im Haus unregistrierte Unterstützungsleistungen erbringen.“
Frau Huber verstand nicht. „Ich hab dem Meier nur Suppe vorbei…“
„Genau das“, unterbrach er sie, „ist das Problem.“
Im Ministerium hatte man nämlich ein neues Risiko entdeckt: unkontrollierte Menschlichkeit.
Die Lageeinschätzung des Thinktanks „Center for Behavioral Compliance“ war eindeutig: Wenn Nachbarn anfangen, sich gegenseitig zu helfen, ohne staatliche Koordination, entstehe ein gefährliches Momentum hin zu „Anarchie light“.
Im Bericht stand:
„Szenario 3b: Dezentralisierte Hilfeleistungen unter Umgehung formal-demokratischer Genehmigungsverfahren.
Mögliche Folgen: sinkende Bindung an Institutionen, Vertrauensverschiebung von Staat zu Nachbarschaft, Reduktion des Interventionsbedarfs.
Risikostufe: rot.“
Rot!
Das war die Farbe für Krieg, Pandemie und – neuerdings – Omi mit Suppentopf.
Die politische Klasse reagierte entschlossen. Binnen Wochen entstand ein ganzes Maßnahmenbündel:
- das Gesetz zur Regulierung Spontaner Zuwendung (SpZuRegG),
- die Bundesagentur für Nachbarschaftsdienstleistungen (BuNaDi),
- und eine öffentliche Kampagne: „Hilf, aber richtig™“.
Von nun an galt: Wer jemandem die Einkäufe hochträgt, hat vorher ein „Hilfs-Intent-Formular“ (HIF-27b) auszufüllen, inklusive Datenschutzerklärung, De-Radikalisierungsbaustein und Einwilligung zur Meldung an die Krankenkasse.
Wer es wagt, einfach so beim Nachbarn zu klingeln, muss mit einem „Spontanitätsbußgeld“ rechnen.
Im Fernsehen erklärte eine Ministerin mit ernster Miene:
„Wir begrüßen Solidarität ausdrücklich. Aber sie muss strukturiert sein.
Unkoordinierte Güte kann in falsche Hände geraten.“
In welchen, sagte sie nicht. Vermutlich meinte sie Hände ohne Parteibuch.
Währenddessen breitete sich im Land etwas aus, das in den internen Akten nur noch als BIK geführt wurde: „Basic Income of Kindness“.
Man konnte es nicht messen, weil niemand Buch darüber führte.
Man konnte es nicht besteuern, weil niemand eine Rechnung schrieb.
Man konnte es nicht verbieten, weil es aussah wie das, was früher mal „normal“ hieß.
Ein Vater reparierte das Fahrrad des Nachbarsjungen, ohne Rechnung.
Eine IT-Nerdin half dem alten Ehepaar, das Online-Banking wieder zu entsperren – ohne Servicevertrag.
Jemand stellte einfach so einen Kasten Gemüse in den Hausflur mit dem Zettel: „Zu viel geerntet. Bedient euch.“
Die BuNaDi war fassungslos.
„Wir verlieren die Deutungshoheit“, klagte Dr. Kleinlogistik in der Krisensitzung.
„Die Leute machen das, ohne uns zu fragen.“
„Dann müssen wir sie schützen“, sagte die Staatssekretärin.
„Vor sich selbst.“
Also beschloss man einen neuen Ansatz: Co-Option.
Plötzlich tauchten überall Plakate auf:
„Pay it forward – jetzt auch mit Bonuspunkten!“
Die Idee war simpel: Wer jemandem hilft, bekommt Punkte auf eine App. Ab 1.000 Punkten gibt’s einen Rabatt auf die neue staatlich zertifizierte Gesundheits-Tracking-Uhr.
Doch irgendetwas lief schief. Die Leute, die ohnehin geholfen hatten, wollten keine Punkte.
Sie wollten keine App.
Sie wollten einfach… helfen.
„Das ist anarchistische Tendenz“, diagnostizierte der Haus-Jurist.
Im Haus von Frau Huber hatte sich inzwischen etwas verändert.
Seit der „Suppe ohne Genehmigung“ war eine leise, trotzig-verschmitzte Stimmung in die Flure eingezogen.
Man begann, kleine Dinge absichtlich unbürokratisch zu machen.
Der DHL-Bote deponierte Pakete, ohne jedes Mal eine App-Bestätigung zu verlangen.
Die Studentin im vierten Stock nahm der überforderten Alleinerziehenden einfach das schreiende Kleinkind ab, ohne vorher Familienhilfen zu beantragen.
Und Herr Meier – inzwischen wieder gesund – trug Frau Huber die Wasserkästen hoch.
Ohne HIF-27b.
„Was wir hier tun“, flüsterte die Studentin, „ist im Grunde…“
„…Anarchie“, grinste Frau Huber. „Verdammt noch mal.“
Im Ministerium registrierte man derweil ein seltsames Phänomen:
Die Statistiken passten nicht mehr zu den Narrativen.
- Weniger Einsamkeitsmeldungen,
- weniger kleine Notfälle,
- aber keine korrespondierenden Projekte, keine Fördertopf-Abflüsse, keine schöne Erfolgsgrafik fürs nächste Regierungsprogramm.
„Wir haben eine Dunkelzone der Hilfe“, schrieb jemand in die Präsentation.
„Es wird geholfen, aber nicht über uns. Wir laufen Gefahr, überflüssig zu wirken.“
Überflüssig – das war schlimmer als jede Krise.
Und genau hier, irgendwo zwischen Omas Suppe und Doktor Kleinlogistiks PowerPoint, lag die eigentliche Sprengkraft des Ganzen:
Nicht darin, dass Menschen sich gegenseitig helfen –
sondern darin, dass sie merken, wie gut das funktioniert ohne Permission, ohne Kontrollzentrum, ohne Narrativfreigabe.
Dass sie entdecken, wie sich Freiheit anfühlt, nicht nur wie sie klingt.
Man könnte es – wenn man sehr böswillig wäre – als Vorstufe zur „neuen neuen Weltordnung“ betrachten:
Eine Ordnung, in der die großen Blöcke sich noch um Geld, Waffen und Diplomatie streiten, während unten im Hausflur längst etwas anderes läuft:
Ein leises, störrisches „Wir kümmern uns umeinander. Egal, was ihr oben macht.“
Ob das Anarchie ist?
Vielleicht.
Vielleicht ist es einfach nur das, wovor sie oben am meisten Angst haben:
Menschen, die anfangen, einander zu vertrauen.

