Wie ein Staat lernt, Gewalt zu sehen – und wegzuschauen.
In einem funktionierenden Rechtsstaat ist Terrorismus keine Frage der Gesinnung, sondern der Methode: Gewalt gegen Zivilisten, politisch motiviert, mit dem Ziel, Angst zu erzeugen. Punkt.
Doch was passiert, wenn diese Definition zwar noch im Lehrbuch steht – aber nicht mehr angewendet wird?
Berlin, Januar. Mehrtägige Stromausfälle nach Sabotage an kritischer Infrastruktur. Zehntausende Haushalte betroffen. Pflegeeinrichtungen, Betriebe, öffentlicher Raum. Ein Bekennerschreiben taucht auf, politisch gerahmt, mit Wiederholungsdrohung. Die Bundesanwaltschaft übernimmt. Und trotzdem bleibt ein Wort auffällig abwesend: Terror.
Stattdessen hören wir: „Ermittlungen laufen.“
„Zusammenhänge werden geprüft.“
„Keine gesicherten Erkenntnisse.“
Das alles ist formal korrekt. Und genau darin liegt das Problem.
Die Verwaltung der Unschärfe
„Nicht bestätigt“ ist kein Erkenntnisurteil. Es ist ein Status.
Ein Zustand, der Folgen vermeidet: keine Eskalation, keine Haftung, keine politische Neubewertung. Solange Kausalität nicht „gerichtsfest“ ist, bleibt Gewalt ein Ereignis – aber kein Einschnitt.
Dabei ist das Muster bekannt: Infrastruktur wird angegriffen, Zivilisten sind betroffen, Angst entsteht. In anderen Kontexten würde die Einordnung schneller erfolgen. Hier nicht. Warum?
Der blinde Fleck
Linksextreme Gewalt passt schlecht in das dominante Selbstbild westlicher Demokratien. Sie richtet sich nicht gegen den Staat als solchen, sondern gegen seine Gegner: Konzerne, Industrie, „Systeme“. Ihre Rhetorik bedient die Sprache der Moral. Und Moral wirkt entwaffnend.
So entsteht eine gefährliche Verschiebung:
Was Angst erzeugt, wird als Protest gerahmt.
Was Menschen schadet, als „Aktion“.
Was Infrastruktur lahmlegt, als „Signal“.
Medien, die Bekennerschreiben veröffentlichen, werden für ihre „Einordnung“ ausgezeichnet. Nicht trotz der Gewalt – sondern wegen der Deutung. Der Fokus liegt auf Motiven, nicht auf Opfern. Auf Kontext, nicht auf Konsequenzen.
Wenn Gewalt nützt
Der entscheidende Unterschied ist nicht links oder rechts.
Er ist funktional.
Gewalt, die den Staat delegitimiert, wird klar benannt.
Gewalt, die mehr Staat rechtfertigt – mehr Schutz, mehr Kontrolle, mehr Regulierung – wird entpolitisiert.
Das ist kein Komplott. Es ist ein Anreizsystem.
Ein Staat, der Terror nicht benennt, muss ihn nicht beantworten. Kein neues Sicherheitskonzept. Keine Debatte über Verwundbarkeit. Keine politische Verantwortung. Die Unschärfe wird zur Schutzschicht.
Die Opfer der Vorsicht
Während Juristen abwägen, leben Menschen im Dunkeln.
Während Sprecher formulieren, verlieren Betriebe Tage, Pflegeheime Sicherheit, Bürger Vertrauen. Ob Todesfälle „kausal“ zugeordnet werden können, bleibt offen. Dass Risiken real waren, ist unstrittig.
Aber ohne Etikett keine Erinnerung.
Ohne Namen keine Lehre.
Die eigentliche Frage
Die Frage ist nicht, ob Terror stattgefunden hat.
Die Frage ist, wer entscheidet, wann Gewalt diesen Namen tragen darf.
Ein Staat, der nur das benennt, was ihm politisch passt, schützt nicht seine Bürger – er schützt sein Narrativ.
Und Narrativen ist es egal, ob das Licht ausgeht.

